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Kinderrechte,

die Reform des KJHG und Reform des DJI:

Ein Fenster der Gelegenheit 1984-1990

Das alte Institut

1984 legte der Bundesrechnungshof einen Bericht vor, der die Auflösung des Deutschen Jugendinstituts empfahl, sofern der gravierende Stellenüberhang nicht beseitigt werden konnte und gleichzeitig strukturelle Reformen in Verwaltung, Organisation, Mittelbeschaffung, Projektmanagement und Führungskultur durchgesetzt würden. Diese skeptische Einschätzung des Instituts durch den Bundesrechnungshof war das Ergebnis einer jahrelangen Auseinandersetzung um die institutionelle Basis des Instituts. Sowohl der Gründungsdirektor als auch seine beiden Nachfolger haben das Institut aufgrund dieser Auseinandersetzung verlassen. Das Ministerium hat sich entschieden, das Institut auf jeden Fall zu erhalten. 

Das  Fenster der Möglichkeiten

Für das Institut war es Glück, dass der für das Institut zuständige Abteilungsleiter Warnfried Dettling und die beiden Ministerinnen Rita Süssmuth und Ursula Lehr zwischen 1985 und 1989  wissenschaftsorientiert waren, .Neben diesem personellen Glücksfall gab es auch politische Chancen für das Institut. 

Bereits in der ersten Sitzung des Bundesjugendkuratoriums mit Rita Süssmuth und Wanfried Dettling wurde deutlich, dass die  Bemühungen zur Reform des Jugendwohlfahrtsgesetzes aufgegeben werden sollten. Stattdessen sollte ein neues Kinder- und Jugendhilferecht geschaffen werden, das im Einklang mit der  Diskussion um Kinderrechte, die  das Wohl aller Kinder in den Mittelpunkt stellen, zu entwickeln sei. Dabei sollte die Beteiligung von Kindern thematisiert  und durch familienergänzende Maßnahmen sowohl die Entwicklung der Kinder als auch die Erziehung durch die Eltern unterstützt werden. Aus dem Wächterstaat, der nur eingreift, wenn die Eltern etwas falsch machen, sollte ein Partner werden, der gemeinsam mit den Eltern die kindliche Entwicklung fördert.Um ein solch weitreichende Neudefinition  durchzusetzen  bedarf es der Unterstützung der Öffentlichkeit und eines Institutes mit den entsprechenden Kompetenzen. Das Institut hat die Möglichkeiten genutzt. Es wurden drei Handbücher zur Lebenslage und Lebenssituation von Jugendlichen, Familien und Kindern veröffentlicht. Zur  Entwicklung des neuen gesetzlichen Ansatzes für Begründungen, Texte und Öffentlichkeit engagierte sich eine zehnköpfige Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern des DJI . Der achte Jugendbericht wurde in enger Kooperation mit den Arbeiten am Gesetz verfasst. Das Ministerium hat sicher gestellt, dass auch die eher skeptische Jugendhilfe hervorragend vertreten war. Ein Kuratoriumsmitglied des DJI und der Direktor haben den Bericht im Sinne des im DJI entwickelten Lebenslangen Konzepts wesentlich mitgestaltet.

DJI : Die neue Öffentlichkeit .

Um die Auflagen des Bundesrechnungshof zu erfüllen, wurde der Verlag und die Druckerei des deutschen Jugendinstitut aufgegeben. Stattdessen wurde eine Kooperation mit dem Budrich Verlag vereinbart, der Druck und Verlag und Vertrieb der Arbeiten des deutschen Jugendinstitut übernahm.

Gleichzeitig wurde zur Informationen der Öffentlichkeit ein Fachmagazin, die DI Impulse gegründet. Neben diesem Fachmagazin wurde auch noch eine eigenständige, wissenschaftliche Fachzeitschrift gegründet, der Diskurs.

DJI: Die neue Verwaltung

Die Verwaltung des DJI war in der Zeit der IBM Schreibmaschine mit Korrekturtaste dem Wachstum des Instituts nicht gewachsen. Die Kritik des Rechnungshofs war hier eindeutig. Erst der vierte Verwaltungsdirektor innerhalb von 2 Jahren hatte die Qualität, die Verwaltung so zu modernisieren, wie es für ein großes Forschungsinstitut erforderlich ist. Denn die Übertragung einer unübersichtlichen Zettelwirtschaft, teilweise noch mit Barschecks, in ein transparentes EDV-gestütztes System setzt nicht nur Verwaltungskönnen voraus, sondern auch intensive Kenntnisse der entsprechenden Systeme und eine entsprechende Fähigkeit, die Mitarbeiter einzubeziehen. Die Anpassung der Verwaltung an das Institut und die entsprechende Entwicklung ist nicht nur das Verdienst des Verwaltungsdirektors Müllers, sondern jeder, der weiß, wie wichtig Infrastruktur für Forschung ist, kann ermessen, welches Glück das Institut hatte, ihn gewinnen zu können.

DJI: Die neue DV-Infrastruktur

Die Dokumentation zur Geschichte und Jugendhilfe wurde als wichtiger Teil der eigenen Historie des Instituts betrachtet. Obwohl es schmerzhaft war, diesen Teil aufzugeben, wurde eine neue Konzeption relationaler Datenbanken entwickelt, die sowohl für empirische Forschung als auch für die Analyse der nationalen und regionalen Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen genutzt werden konnte.


Es war ein Glücksfall, dass das Institut zwei Spezialisten (Walter Bien und Donald Bender) gewinnen konnte, die die innovative Datenbankstruktur aufbauen konnten. Das zuständige Ministerium war überfordert. Dieser Wandel konnte durchgesetzt werden, weil der oberste EDV-Beauftragte der Bundesregierung, der mit solchen Modellen vertraut war, zustimmte.

Diese Datenbankstruktur besteht bis heute und hat sich bewährt.Das Konzept des Familienatlas  

zu Analyse regionaler Entwicklungen hat sich  als erfolgreich erwiesen, das das Ministerium selber und

viele andere Institutionen diese Ansatzpunkte gefolgt sind, ohne auf die innovative Leistung des DJI hinzuweisen.

DJI: Die neue Organisation

Neben der kontinuierlichen Sozialberichterstattung für Kinder, Jugendliche und Familien, die im Methodenzentrum angesiedelt wurde, wurden neue Schwerpunkte gesetzt: Medienforschung zu Nutzung und Bedeutung von Medien für Kinder und Jugendliche, eine Abteilung für Jugend und Politik, und eine Abteilung für Jugend und Arbeit. Die Abteilung Mädchen- und Frauenforschung wurde nach langen Diskussionen als eigenständige Abteilung unabhängig von der Abteilung für Familie und Familienpolitik etabliert.

Trotz der Auflagen des Bundesrechnungshofes wurden die Stellen für Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter öffentlich ausgeschrieben und ausgewählt. So wurde das vorhandene Leitungsteam um Ulrike Six für die Medienforschung und Ursula Hoffmann- Lange für Jugend und Politik erweitert. Gerlinde Seidenspinner übernahm die Abteilung Mädchen- und Frauenforschung und Lothar Lappe baute die Abteilung Jugend und Arbeit auf. Gemeinsam mit den bestehenden Abteilungen für Jugend und Jugendhilfe, Familie und Familienpolitik, Kinder und Elementarerziehung, wurden die Themen kindlicher, jugendlicher und familiärer Lebenslagen und ihrer Bedeutung für Kindheits- Jugend- und Familienpolitik abgedeckt.

Diese Ausdifferenzierung wurde durch das neu gebildete wissenschaftliche Referat beim Vorstand, das auch die Forschungsplanung und die Öffentlichkeitsarbeit steuerte, koordiniert. Erster Leiter war Sebastian Michael Honig.

Wissenschaftsrat,Kuratoriom ,Ministerien und Mitarbeiter: Zustimmung und Skepsis

Der Wissenschaftsrat unterstützte in seinem Gutachten die vorgenommenen und sich abzeichnenden Änderungen. Das Kuratorium, das Bundesministerium und auch das bayerische Sozialministerium konnten daher gestützt auf das Gutachten mit einer Stimme gegenüber dem Institut und der Öffentlichkeit sprechen. Der Betriebsrat tat alles in seiner Macht Stehende, um Stellenkürzungen abzuwenden. Das ist auch seine Aufgabe. Dennoch wurde das Konzept der Suche von hochqualifizierten Spezialisten unterstützt, um bestimmte Lücken im Qualifikationspool des Instituts zu schließen. Die Stellenkürzungen konnten ohne betriebsbedingte Kündigungen realisiert werden. Allerdings verlor das Institut in einigen zentralen Bereichen, insbesondere bei der mütterlichen Erwerbstätigkeit und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auch intellektuelle Kompetenz.   Die neuen Akzentsetzungen waren jedoch auch deswegen möglich, weil im Institut unter den Mitarbeitern in vielen Bereichen ein fachliches und intellektuelles Potenzial vorhanden war, das durch die neue Struktur sichtbar gemacht werden konnte. Diese Einsicht, dass der Wandel von einem Großteil der Mitarbeiter mitgetragen wurde, erleichterte natürlich auch den Außenstehenden, das Institut zu unterstützen. Dies gilt insbesondere für das bayerische Sozialministerium, aber auch für das Bonner Finanzministerium, das zu dieser Zeit von einem Bayern geführt wurde

Das Fenster der Möglichkeiten schliesst sich: Die doppelte Wende 

1989 und die drei Folgejahre brachten, ganz andere Herausforderungen. Abteilungsleiter, Staatssekretär und Ministerin wurden ausgetauscht. Statt an Forschung und Entwicklung sollte sich das Institut wieder stärker an den Vorgaben des Ministeriums orientieren. Inhaltliche Leistung war weniger gefragt als die Zahl der eingesparten Stellen.

Gleichzeitig hatte das Ministerium auch keine Vorstellung, wie man mit den Zentralinstituten der Kinder und Jugendforschung, die in der DDR existierten, umzugehen habe.

Mangelnde Wertschätzung und Desinteresse beschreiben genauesten die Einstellung der Leitung des Ministeriums. Das ging so weit, dass einem der beiden Institute Datenfälschung unterstellt wurden.

Die verlorenen Chancen für die Forschung konnte dem Ministerium nicht vermittelt werden.

Das Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig führte kontinuierliche Kohorten -Sequenzanalysen durch, die den individuellen und gesellschaftlichen Wandel von Einstellungen in einem Abstand von etwa acht Jahren maßen. Wenn wir heute wenig wissen, wie der Wandel der Lebensverhältnisse auf Kinder und Jugendliche in den neuen Bundesländern gewirkt hat, so liegt es auch an den politischen Akteuren, die diese Forschung nicht fortführen wollten. Das Berliner Institut für die Hygiene des Kindes und Jugendalters hatte einen integrativen Forschungsansatz mit Medizinern, Psychologen und Pädagogen entwickelt, den es in dieser Form im Vorschulbereich in der alten Bundesrepublik nicht gab. Sie hatten zwei Jahre vor der Wende mit einem Längsschnitt begonnen. Rund 600 Berliner Kinder im Alter von zwei Jahren sollten bis in die Jugendzeit begleitet werden, ein Studiendesign wie die Kinder der großen Depression von Glen Elder in den USA. Es interessierte niemanden außer den Referenten in den Ministerien, und selbst hochrangig Unterstützung führte zu keiner Reaktion.

Das Dilemma in dieser Zeit war, dass die Leitung des Hauses, die innovative Kraft des neu entwickelten KJHG mit der klaren Orientierung auf den Rechten der Kinder nicht erkannte. Das Gesetz benötigte daher auch einen anderen Forschungsansatz. Dabei muss man fairerweise auch erwähnen, dass dies auch bei Wissenschaftlern aus dem Bereich der Jugendhilfe nicht anders war. Das bedeutet, dass ein Institut, wie das DJI aus Sicht des Ministeriums wie ein Erfüllungsgehilfe betrachtet wurde. Es war Zeit, zu gehen und die unbefristete Stelle  aufzugeben.Lieber normaler Professor als verlängerter Arm.